Ostsee Zeitung (Germany), 9 June 2018

Interview: Ostsee Zeitung (Germany)

Wenn Ihr Leben eine Melodie wäre, welche wäre es zurzeit?

Im August ist Pianistin Hélène Grimaud bei den Festspielen MV zu Gast – vorab sprach sie über ihre Tour, ihre Liebe zu Wölfen und den Ausbruch aus dem Alltag.

Konzerte

30. Juni: Vail (Colorado, USA);

6. August: Gstaad (Schweiz);

9. August: Kurhaus Wiesbaden;

10. August: Gstaad (Schweiz);

12. August: Landgestüt Redefin (Festspiele MV);

16. August: Konzertkirche Neubrandenburg (Festspiele MV).

Karten sind in allen Service-Centern der OSTSEE ZEITUNG erhältlich.

Hélène Grimaud: Eine gute Frage. Vor allem, weil es innerhalb eines klassischen Stückes oft ein großes emotionales Spektrum gibt. Die Melodie meines derzeitigen Lebens sind die Stücke, mit denen ich zurzeit auf der Tournee arbeite. Mein Leben nimmt deren Farben und Stimmungen an. Und die ändern sich sehr schnell und decken die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen ab.

Trotz voller Konzertsäle überfiel Sie irgendwann ein Gefühl der Leere, so dass Sie 2006 eine Auszeit nahmen und auf Reisen neue Kraft sammelten. So entstand das Reisetagebuch „Lektionen des Lebens“.

Was hat die Reise mit Ihnen gemacht?

Ich würde das Buch als „autofiktional“ bezeichnen. Es basiert auf persönlichen Erfahrungen vermischt mit fiktiven Elementen. Wenn man als Musikerin häufig unterwegs ist, kommt man zwangsläufig zu dem Punkt, an dem man sich fragt, warum machst du das alles und was hat dich die ganze Zeit getragen? Dann ist es wichtig zu wissen, was man braucht, um die Energien wieder aufzuladen. Einsamkeit, um sich wieder mit dem eigenen Zentrum zu verbinden, oder Zerstreuung? Das ist ein komplizierter Prozess. Wichtig ist, danach gestärkt wieder auf die Bühne zu gehen.

Gibt es immer noch Momente, in denen Sie aus dem Alltag ausbrechen möchten?

Nein. Im Moment bin ich mitten in einer wundervollen Tour mit dem Philadelphia Orchestra und Yannick Nézet-Séguin, einem meiner liebsten Musikpartner. Wir waren in Philadelphia, der Heimatstadt des Orchesters, haben in Europa unter anderem in der Hamburger Elphilharmonie, in Paris, Luxemburg, Brüssel und Wien gespielt. Das ist wirklich toll und eine sehr intensive Zeit.

Mit den Festspielen MV kommen Sie im August nach Redefin und Neubrandenburg. Worauf kann sich das Publikum freuen?

Auf fantastische Musik. Das Repertoire, das ich mitbringe, ist großartig und variationsreich, weil es viele Komponisten umfasst, darunter Ravel, Debussy, Brahms und Liszt. In Redefin spiele ich mit dem Luzerner Sinfonieorchester unter Peter Oundjian. Ich freue ich mich sehr darauf, wieder nach MV zu kommen, weil ich die Atmosphäre, das Publikum und die Konzertorte sehr mag. Worauf das Publikum zählen kann ist, dass ich auf die Bühne gehe und alles geben werde. Letztlich ist es aber eine musikalische Reise, die jeder individuell erlebt.

Als Sie 2016 in Redefin spielten, fiel das Orchester aus und Sie haben spontan mit dem Leipziger Cellisten Jan Vogler gespielt. Haben Sie trotzdem gute Erinnerungen an das Konzert?

Ja (lacht). Ich bin sehr froh, dass wir den Termin retten konnten. Ich war Jan sehr dankbar, dass er spontan hergekommen ist, um mit mir gemeinsam aufzutreten. Das war eine tolle Aktion, die auch ein wenig frischen Wind reingebracht hat.

Sie haben in einem Interview gesagt: „Wenn du Brahms hörst oder Bach findest du deinen Frieden und empfindest menschlicher.“ Ist Musik ein Instrument, um die Welt friedlicher zu machen?

Ich glaube an das, was Dostojewski gesagt hat: „Schönheit wird die Welt retten“ und an die erlösenden Qualität von Musik. Dafür braucht man Grundvoraussetzungen wie eine friedliche und freie Gesellschaft, Menschenrechte, ein funktionierendes Sozialsystem. Wenn das funktioniert, kann Kultur das Leben reicher und schöner machen. Ich glaube, dass Musik einen Menschen tief bewegen und ihn besser machen kann. Diese Erfahrungkann man dann in die Welt tragen.

Sie haben einmal gesagt, sie sind so glücklich in der Musik, wie in einer Ehe?

Ja! Musik ist ein Teil meines Lebens. Sie ist immer da. Sie ist in mir. Sie ist um mich herum. Sie ist in meinem Kopf und in meinem Herzen. Die Musik ist definitiv eine der intensivsten Beziehungen, die ich in meinem Leben habe.

Gibt es trotzdem Tage, an denen Sie keine Lust auf Musik haben?

Nein! Ich war noch nie in der Stimmung, keine Musik machen zu wollen. Manchmal bin ich nicht in der Stimmung, zu reisen. Aber wenn ich auf die Bühne gehe, passt auf einmal wieder alles zusammen.

Die Musik hat sie schon mehrfach gerettet. Ist es richtig, dass sie als Kind zur Musik kamen, weil diese gegen ihr ADHS-Syndrom half?

Das ist nicht der Grund, warum ich zur Musik gekommen bin, aber tatsächlich hatte sie diesen Effekt. Zur Musik bin ich durch meine meine Eltern gekommen. Ich bin ihnen dankbar, dass sie mir diese Möglichkeit aufgezeigt haben. Die Musik half mir meine Energie zu kanalisieren.

Später sagten Sie, die Musik ist Ihre Heimat. Sie sind in einer multikulturellen Familie in Frankreich aufgewachsen, haben sich dort aber nie heimisch gefühlt?

Ja, das stimmt. Ich hatte immer das Gefühl, dass meine Wurzeln woanders liegen, wusste aber nicht wo. Wahrscheinlich war das sogar gut so. Auf der Suche nach dem Rest der Welt zu sein hat mir das Reisen sehr erleichtert.

Sie haben eine ganz besondere Beziehung zu Wölfen. Wie würden sie die beschreiben?

Ich würde eher sagen, dass ich ein starkes Interesse daran habe, die Umwelt zu schützen. Die Wölfe waren Teil des Wolf Conservation Centers in South Salem, New York, das ich gegründet habe.

Natürlich hat man eine besondere Beziehung zu den Tieren, wenn man sie als Jungtier kennenlernt und sie aufzieht. Was mich interessiert, ist aber vor allem die Möglichkeit, die Menschen davon zu überzeugen, dass der Wolf ein entscheidender Faktor eines gesunden Ökosystems ist für den wir Raum schaffen müssen und Wege, um mit ihm zusammenzuleben.

Stimmt es, dass sie in New York gemeinsam mit einem Wolfswelpen in einer Wohnung gelebt haben?

Nein. Was stimmt ist, dass das Wolf-Projekt damals in den Startlöchern stand. Die Einrichtung wurde gerade gebaut und sollte im Sommer eröffnet werden. Einige Wochen vorher bekam ich einen Wolfswelpen, was zeitlich eigentlich anders geplant war. Aber da sie in der ersten Zeit nicht draußen sein sollten, hatte ich ihn eine kurze Zeit lang bei mir.

Ist das Leben mit einem Wolf einfacher, als mit einem Menschen?

Ich würde sagen generell mit Tieren. Das ist ähnlich wie mit der Musik. Man braucht keine Worte. Man muss nichts verschweigen oder seine Gefühle erläutern. Ich weiß nicht, ob die Beziehung einfacher ist, aber sie ist ehrlicher, schöner und auch echter als mit den meisten Menschen.

Interview von Stefanie Büssing

 

 

 

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Im August ist Pianistin Hélène Grimaud bei den Festspielen MV zu Gast – vorab sprach sie über ihre Tour, ihre Liebe zu Wölfen und den Ausbruch aus dem Alltag.

 

 

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Interview: Luzerner Zeitung (Switzerland)

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Interview: Roman Kühne kultur@luzernerzeitung.ch Hélène Grimaud, Mat Hennek, Sie sind seit 13 Jahren ein Paar. Entstand daraus der Wunsch, Musik und Bilder zu kombinieren? Hélène Grimaud: Wir wollen die zwei Kunstformen zusammenbringen im eigentlichen Sinn des Wortes. Es ist praktisch ein Kammermusikprojekt. Der Austausch, die Vereinigung wird wie Energie sein.

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